Festansprache Jahresschluss 2013

 

Das böhmische Dorf

 

Palmström reist mit einem Herrn von Korf

in ein sogenanntes böhmisches Dorf.

 

Unverständlich bleibt ihm alles dort

von dem ersten bis zum letzten Wort.

 

Auch von Korf (der nur des Reimes willen

ihn begleitet) ist um Rat verlegen.

 

Doch just dieses macht ihn blass vor Glück.

Tief entzückt kehrt unser Freund zurück.

 

Und er schreibt in seine Wochenchronik:

Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!

 

Christian Morgenstern.

 

Wir machen zum Jahresschluss einen Ausflug mit Christian Morgenstern nach Böhmen, unserem Partnerland .

Es ist mein Versuch, Sie zur Teilnahme an unseren Exkursionen mit den tschechischen Partnern aus Winterberg/Vimperk im Böhmerwald zu ermuntern: es erwartet Sie ein schönes Land und herzliche Freunde!

Ein kleiner Exkurs:

 

Die Länder der böhmischen Krone

Aus den Ländern der böhmischen Krone - dem Königreich Böhmen, der Markgrafschaft Mähren, dem österreichisch gebliebenen Rest des Herzogtums Schlesien - und dem oberungarischen Teil des Königreichs Ungarn ist am

28. Oktober 1918 die Tschechoslowakei entstanden.

Übrigens gezählte 16 Tage, bevor Kaiser Karl das Handtuch warf und seine Unterschrift unter die Verzichtserklärung auf seine Teilnahme an den Re­gierungsgeschäften Österreich-Ungarns setzte;

nonchalanterweise mit Bleistift - oder doch wohl nicht mit dem Hintergedanken, dass man diese Unterschrift vielleicht später wieder ausradieren könnte?

Populär waren die Habsburger bei den Tschechen nie, aber dass sich Kaiser Franz Josef nicht zum böhmischen König hat krönen lassen, haben sie ihm nie verziehen.

Bei einer 68-jährigen Amtszeit hätte er sich kaum auf Terminprobleme ausreden können, hat er doch Zeit gefunden, 2051 Gamsböcke zu schießen.

Aber das war nicht der einzige „Bock", den er geschossen hat - PR war noch nicht erfunden und außerdem verließ er sich auf sein Standing als „deutscher Fürst"(so wörtlich beim Fürstentag in Baden-Baden im Jahr 1862).

Dafür ist er als Balkanpotentat gestorben.

Mit seinem Staatsnamen hat Tschechien immer schon seine Schwierigkeiten gehabt: Böhmen - das Land im böhmischen Kessel - heißt auf Tschechisch Čechy, schließt aber Mähren und Schlesien nicht ein, schon gar nicht die Slowakei (oder die Karpato-Ukraine).

So nannte man 1918 den Staat „Tschechoslowakische Republik" (CSR),

wobei man kommoderweise die 2,8 Millionen Sudetendeutschen,

die Ungarn, die Ruthenen und sonstige Minderheiten geflissentlich übersah.

Die Kommunisten haben dann „sozialistisch" eingefügt und den Staat auf „CSSR" umgetauft. 1989 wurde daraus eine föderalistische „CSFR", und als man sich 1993 von der Slowakei trennte, wurde das Land zur Tschechischen Republik (Českä republika).

Jetzt versucht man, die Bezeichnung Česko (Tschechien) populär zu machen, was in beiden Sprachen gewöhnungsbedürftig ist.

Selbst Vaclav Havel (der Dichter, nicht der Staatspräsident Vačlav Klaus) hat diesen Namen „grauslich" gefunden, aber dann doch akzeptieren müssen.

 

Die Wenzelskrone

Die österreichische Kaiserkrone wird in der Schatzkammer der Wiener Hofburg ausgestellt; und zwar täglich, das ganze Jahr über, und gegen Entrichtung einer Eintrittsgebühr. Sie ist jetzt ein Schaustück und trägt zum Nationalbewusstsein der Österreicher nur wenig bei.

Für die Tschechen ist die böhmische Krone, die Wenzelskrone, das größte Nationalheiligtum, weil sie die Unabhängigkeit und Größe des böhmischen Staats repräsentiert. Sie wird nur sechs oder sieben Tage lang gezeigt, und auch das nur zu allen heiligen Zeiten: im 20. Jahrhundert gezählte neunmal.

Der Eintritt ist frei, es gibt auch keine Eintrittskarten. Man muss sich schon sehr zeitig anstellen, um einen Blick auf die Wenzelskrone, das Szepter und den Reichsapfel zu erhaschen; viele Leute nehmen sich dafür sogar Urlaub und stehen dann stundenlang in einer Warteschlange, die bis in die Gärten des Hradschin reicht.

Karl IV. hat nämlich verfügt, dass die Krönungskleinodien nur am Tag der Krönung aus ihrem Gelass genommen werden dürfen und am gleichen Tag zu­rückgebracht werden müssen.

Spätere Herrscher haben das etwas großzügiger ausgelegt

und die Krönungskleinodien auch zu besonderen Anlässen gezeigt - zuletzt im April 2008 zum 90-Jahr-Jubiläum der Tschechoslowakischen Republik.

Die Wenzelskrone geht auf Wenzel II zurück, den ersten König Böhmens,

der 1085 von Kaiser Heinrich IV. eingesetzt wurde.

Ihre heutige Form erhielt sie für die Krönung Karls IV. zum böhmischen König im Jahr 1347 (zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wurde er erst 1356 gewählt).

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Krone nach Wien gebracht;

im August 1790 gab sie Kaiser Josef II. den Tschechen zurück.

Seither ruht sie in der Krönungskammer der Wenzelskapelle im Prager Veitsdom hinter einer eisernen Tür mit sieben Schlössern;

je einen Schlüssel haben der Präsident der Republik, der Premierminister,

der Prager Erzbischof, der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses,

der Präsident des Senats, der Dekan des Domkapitels und der Prager Oberbürgermeister.

Die Krone wird dann feierlich in einen Saal des Hradschins getragen.

Am letzten Tag wird sie schließlich wieder auf den Reliquiarschädel Wenzel II. gesetzt.

 

Die Blasmusikanten

Man sagt, dass einem tschechischen Kind zwei Dinge in die Wiege gelegt wer­den: ein Geldbeutel und eine Geige. Nach welchem von beiden der Säugling zuerst greift, entscheidet sein späteres Schicksal. Die Tschechen sind jedenfalls ein geschäfts­tüchtiges, aber auch ein musikalisches Volk. Oh es aber immer Geigen sind, darf man bezweifeln. Charles Sealsfield (Karl Postl) beschreibt 1827 in seinem Buch „Österreich, wie es ist" die Tanzkapellen bei den Kirch­weihfesten in der österreichischen Provinz -in der tschechischen wird es nicht viel anders gewesen sein - so: „Unter ihren Instrumenten sind zwei Harfen, aber keine Geigen, was ihrer Musik einen eigentümlich ländlichen Ausdruck gibt.

Für die Walzer dieser Musiker gibt es überhaupt nichts Vergleichbares".

Die Instrumentation dürfte sich daher hauptsächlich auf Klarinetten, Trompeten und andere Blasinstrumente beschränkt haben.

Die tschechische Tanzmusik ist auch heute noch eine Umtata-, Umtata-Musik für Blasinstrumente, mit einer ganz eigenen Phrasierung der Polkas und Märsche, während den österreichischen Musikern niemand so leicht den Walzertakt nachmacht.

Dr. Harald Kaufmann von der „Neuen Zeit", einer Grazer Zeitung, hat seinerzeit den Unterschied zwischen musikalisch und musikantisch in die Musikkritik eingeführt, wobei musikantisch nicht unbedingt besagen muss,

dass die Betreffenden falsch gespielt hätten, aber eben wie Musikanten.

 

Für die klassische Musik ist die „nationale Wiedergeburt" der Tschechen zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu spät gekommen.

Aber dafür erreichte sie in der Romantik und Spätromantik mit Friedrich Smetana und Antonin Dvořak einen Höhenflug, der in der Moderne von Leoš Janaček und Bohuslav Martinů fortgesetzt wurde.

Smetana war von Beruf Musiker.

Dvořak musste in der väterlichen Metzgerei das Fleischhauergewerbe erlernen, bevor er Musik studieren durfte.

Für beide ist es bezeichnend, dass sie ihre musikalischen Inspirationen aus der Landschaft bezogen:

Smetana in seiner symphonischen Dichtung „Ma vlast" (Meine Heimat) aus „Böhmens Hain und Flur" und vom Tal der „Moldau", Dvořak in seiner „Symphonie aus der Neuen Welt" aus den Weiten der amerikanischen Prärie.

 

Schlachtfeld Böhmen

Österreich und Preußen, die großen Protagonisten der deutschen Geschichte, haben es immer verstanden, ihre Bruderkämpfe auf fremder Erde auszutragen. Das schont die eigenen Ressourcen; gewinnt man, ist man der große Triumphator, verliert man, ist nichts passiert, hat es sich doch um ein weit entferntes Land gehandelt, von dem wir nicht viel wissen.

Das begann schon 1740 mit dem Schlesischen Krieg des Preußenkönigs Friedrich II, der Kaiserin Maria Theresia das Herzogtum Schlesien wegnehmen wollte, einfach so.

Nach einem weiteren siebenjährigen Krieg, der hauptsächlich in Böhmen mit wechselndem Schlachtenglück geführt wurde, musste sie letztlich Schlesien dem Preußen überlassen, nur ein kleines Stück um Troppau in Nordböhmen verblieb bei Österreich.

Das Denkmal der großen Kaiserin am Platz zwischen den beiden großen Wiener Museen wird von den Feldherren ihrer Armee bewacht, den Generälen Daun, Traun, Khevenhüller und Laudon.

Und bei Sadovä, an der Straße nach Königgrätz, steht ein auch schon recht verwittertes Denkmal:

Es soll an die Schlacht von Königgrätz erinnern, wo sich Preußen und Österreicher wieder gegenüberstanden.

Der preußische Ministerpräsident Graf Bismarck hatte lang genug am preußischen Hof intrigiert, einen Feldzug gegen Österreich zu führen,

dessen einziger Zweck es war, Österreich den Vorsitz im Deutschen Bund ab­zutrotzen.

Diese Schlacht fand am 3. Juli 1866 statt, die Österreicher wurden geschlagen, ihr Kommandant Feldmarschall Benedek musste Kaiser Franz Josef ersuchen, sofort und „um jeden Preis" Frieden zu schließen.

Der Kaiser telegrafierte zurück: „Frieden schließen unmöglich, befehle sofortigen Rückzug"; wozu der Generaladjutant des Kaisers süffisant hinzufügte:

„Hat eine Schlacht stattgefunden?"

Jawohl, Eure Majestät!

Es hat eine Schlacht stattgefunden, und beim Zählappell am Jüngsten Tag werden sich die 15 835 Toten und Vermissten dieser Schlacht - die Österreicher und auch die Preußen mit „Hier !" melden,

die Gefallenen der böhmischen Regimenter Österreichs

und das war die Mehrzahl mit „Zde!".

 

Und jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück!

Frieden auf Erden?

Bundespräsident Gauck hat den Deutschen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest gewünscht, darüber aber - wie es gute Tradition ist -nicht vergessen, sie auch an das Elend in der Welt zu erinnern, das wir zwar nicht beenden können, aber - im Rahmen unserer Kräfte - lindern sollten.

Das gilt für Flüchtlinge, die vor Kriegswirren wie in Syrien oder vor politischer Verfolgung fliehen und Jahre, manchmal Jahrzehnte in Elendslagern außerhalb ihres Heimatlandes zubringen müssen.

Gauck, der Politiker, der Pastor war, weiß, „dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem Land aufnehmen können".

 

Wir sind meist auch nicht in der Lage, die Quellen des Übels zu verstopfen, die Kriege, das Morden, den Terror und die Vertreibungen zu verhindern.

Es sind ja nicht Hartherzigkeit oder Wegschauen, die es verhindert hätten, dass westliche Mächte beispielsweise in Syrien intervenieren.

Es sind Erfahrungen, die anderswo gemacht wurden - im Irak, in Afghanistan oder in Libyen -, die zu der Einsicht führen, dass von außen kein Frieden gestiftet werden kann, wo die inneren Voraus-Setzungen dafür nicht vorhanden sind.

Zum Jahresende gibt es neue Beispiele für diese Wahrheit, in Zentralafrika, wo französische Soldaten zusammen mit afrikanischen versuchen, einen Bürgerkrieg einzudämmen, oder im jüngsten Staat der Welt, in Südsudan, der an Stammesrivalitäten zu scheitern scheint, noch bevor er eine Organisationsform gefunden hat.

 

Zu leicht macht es sich, wer das mit den Nachwirkungen des Kolonialismus erklärt -obwohl es diese gibt-  oder den globalisierten Kapitalismus als Fortsetzung des Imperialismus mit anderen Mitteln denunziert (obwohl es auch diesen Aspekt der Globalisierung als Wettkampf um Rohstoffe oder Absatzmärkte gibt).

Wahr ist dagegen, dass in vielen Staaten der Welt die postkolonialen Eliten nicht viel besser sind als die ehemaligen Kolonialherren und dass Revolutionen, die im Namen der Freiheit begonnen wurden, zu neuer Zwangsherrschaft führen.

Immer bedarf es aber auch der Bereitschaft von Massen, oft der Ärmsten der Armen, sich dafür einspannen zu lassen.

Im Vergleich dazu wirken die Aufwallungen, die in den westlichen Demokratien immer wieder vorkommen, wie Luxusrevolten.

Wahr ist:

Auch wir leben nicht in der besten aller Welten;

für einen friedlichen Jahreswechsel sollten wir dennoch dankbar sein.

 

Ich danke meinen Freunden und Mitstreitern  in der ArGe und  im Böhmerwald.

Dank an die Autoren des 7. Labertaler Lesebuches,

an die Vorstände:

meinem Vertreter Hans Bachmaier für seine Tätigkeit als Repräsentant der ArGe in vielen Veranstaltungen und Sitzungen, das war echte Aufgabenteilung,

an Beiratsvorsitzenden Dr. Hans  Kirchinger,

an unseren Geschäftsführer und Vorsitzenden der ArGe-Stockschützen Ludwig Wargitsch, der anschließend über seine Arbeit berichten wird,

an Schatzmeister Schorsch Prückl,

an Arbeitsgruppenleiter Hermann Albertskirchinger,

und besonders an Beirat Alois Lederer,

immer präsent und Ansprechpartner bei der Herausgabe des Lesebuches.

 

Ich danke den vielen engagierten Beiräten, stellvertretend Gudrun Nixdorf.,

Richard Stadler.

 

So wollen wir unsere kleine Gemeinschaft weitertragen in das nächste Jahr,

in Freundschaft und Solidarität für das Labertal und seine Menschen.

 

Ich wünsche Ihnen ein gutes, gesundes,  möglichst glückliches Neues Jahr 2014.

Klaus Storm, im Dezember 2013

30. Dezember 2013

Klaus Storm