Exkursion 22.09.2001

Themenkreis: Regionale Produkte

Tag der Milch bei der ArGe Naherholung

Käse – eine Nische für unsere Bauern ?

Milch und Käse - die ArGe verfolgte die Spur von der Kuh zum Verbraucher

Nach der Zuckerrübe und der Kartoffel war heuer die Milch das regionale Produkt, das zum Inhalt genauerer Betrachtungen wurde. Der Milchvieh-Betrieb Heil in Hofkirchen, die Molkerei in Straubing, die Biolandkäserei Schreiner in Oberharthausen und ein Abendvortrag von Werner Müller (Ökoring) ließen keine Frage offen – Milch und Käse sind ein Thema – nicht nur für unsere Bauern.

Hofbesichtigung

Pünktlich um 14°° Uhr begrüßte 2. Vorsitzender Volkhard Nixdorf 45 Interessierte auf dem Poschenhof bei Hofkirchen. Bereist zum dritten Mal hat die ArGe-Naherholung zum Tag der regionalen Produkte eingeladen. Waren es 1999 die Zuckerrüben, 2000 die Kartoffeln, so sollte 2001 die Milch und die daraus gewonnenen Produkte das Thema sein.

Der Hof der Familie Heil ist kein moderner Milchvieh- Vorzeigebetrieb mit Freilaufstall und Melkroboter (davon gibt es in der weiteren Umgebung auch welche), sondern ein typischer Mischbetrieb, wie er im Labertal noch vereinzelt zu finden ist. Neben den 30 Kühen und 70 Rindern bewirtschaftet der Familienbetrieb Kartoffel- und Zuckerrübenfelder, bietet Dammwild, Enten und Gänse an und hat Lämmer im Angebot.

Schon bei der Ankunft auf dem Gehöft, einem schmucken Vierseithof, fällt der schon selten gewordene Misthaufen auf. Karl Heil bezeichnet seinen Hof selbst als „altmodisch- gemischt strukturiert“. Das heißt jedoch nicht, dass am Poschenhof die Zeit vorbeigegangen ist – im Gegenteil, hier zeigt sich die Flexibilität und der unternehmerische Mut, der nötig ist, in der heutigen Zeit als kleiner landwirtschaftlicher Betrieb überleben zu können.

Der seit 1870 nachgewiesene Hof wechselte oft seinen Besitzer, was darauf schließen läßt, dass er nicht leicht zu bewirtschaften ist. Der Vater von Karl Heil hat ihn 1934 gepachtet und später erworben. Der „hinterleitige Hof“, meist Nordhang und am Wald gelegen, ist auch schuld, so Karl Heil, dass er immer noch Milchvieh hält. Hätte er einen „normalen Hof, mit Feldern auf denen Zuckerrüben und Kartoffeln wachsen, hätte er schon seit 30 Jahren keine Kühe mehr, so Karl Heil. Viele Nachteile konnten durch moderne Technik und Düngung ausgeglichen werden, doch die klimatischen Verhältnisse um den Poschenhof sind nun mal nicht optimal, was sich gerade heuer, bei dem aktuellen Wetter zeigt. Werden in bevorzugten Teilen des Labertals bereits die Kartoffeln geerntet, ist am Poschenhof noch nicht daran zu denken.

War einmal ein großer Bullenstall geplant ( Platz für 120 Tiere sollte entstehen, für 60 wurde gebaut), weil die Prognosen dies empfahlen, so hat sich gezeigt, dass die langsame Entwicklung des Hofes von Vorteil war – der Preis für Fleisch ist verfallen, die Äcker hätten das benötigte, eigene Futter (Silomais und Weizen) nicht erbracht. So ist heute das Milchkontingent (210 000 Liter/Jahr) ein solider Grundstock, bedenkt man, dass der Bau eines Stallplatzes einer Kuh inzwischen billiger ist als das für sie gebrauchte Milchkontingent. ( Bei den Börsen für Milchkontingente werden diese z.Z. für ca. DM 1,70 pro Liter Jahresliefermenge gezahlt)

Nach der allgemeinen Einführung wurde die große Gruppe geteilt und von Karl Heil und seinem Sohn durch den Hof geführt. Die alten Schweineställe sind heute Schlachthaus und Stall für das Geflügel, die Wiesen hinter dem Hof bieten Weide für das Dammwild und die tragenden Kühe, die nicht gemolken werden müssen. Der alte Stall, mit gemauertem Gewölbe wird z. Z. umgebaut in einen modernen Laufstall mit Spaltenböden. Hier ist aus den Ausführungen von Karl Heil ein wenig Bitterkeit zu hören. Wurde er jahrelang wegen seiner unmodernen Strohaufstellung belächelt und für rückständig erklärt, so wird gerade dieser Stalltyp von der aktuellen Landwirtschaftsministerin Künast gefordert – doch zu spät für Karl heil – der Umbau hat bereits begonnen. Die Investition wurde schon im Vorfeld durch die unsichere Lage nach den BSE-Skandalen verzögert und es stellt sich nun erneut die Frage- wohin geht es?

Es wurde anschließend der kleine Bereich des Anbindestalles (für Tiere mit besonderen Anforderungen) und der Kälberstall gezeigt. Hier erklärte Karl Heil ausführlich den Zusammenhang zwischen Milchleistung, Trächtigkeit, Trockenstehen und Gebären und ließ die Besucher in das Management eines gut geführten Milchvieh-Betriebes einblicken.

Die auffälligen Ohrmarken und deren Bedeutung seit den BSE-Fällen war ein weiteres interessantes Thema. Besonders überrascht hat die Tatsache, dass Karl Heil seine Tiere und deren Daten per Internet an die Bayer. Staatsregierung meldet, da die Listenführung per Meldekarte und Telefon nicht geklappt hat – nur bei korrektem Lebenslauf des Tieres werden die notwendigen Schlachtprämien ausgezahlt. Auch hier sieht man, dass die modernste Technik an unseren landwirtschaftlichen Betrieben nicht spurlos vorübergeht  Selbiges zeigt die hochtechnisierte „Milchkammer“, mit 1600l-Tank, Wärmetauscher, Spüleinrichtungen und natürlich dem daneben liegenden Melkstandes. Es handelt sich um einen modernen Tandem-Melkstand, bei dem die Tiere zum Melker gehen, nicht umgekehrt. Dazu muß man wissen, dass die Tiere zweimal am Tag gemolken werden wollen. Es handelt sich zwar hier nicht um die modernste Ausführung eines Melkstandes, doch aber für die menschen- und tier-freundlichste Variante. Bei der kurzen Vorführung durch das Ehepaar Heil konnten sich alle überzeugen, dass die nötigen Handgriffe perfekt sitzen und die Tiere, wie die Melker, nicht überfordert werden. die Milch fließt direkt in den Tank, wird auf 6°C gekühlt und alle 2 Tage vom Sammelwagen der Molkerei abgeholt.

Weiter ging es in den offenen Laufstall, bei dem die Kühe nicht angebunden sind, sondern sich frei im Stall und zur Weide bewegen können – wenn sie wollen. Oft, so Karl Heil wollen sie aber nicht – wieder Erwarten gehen sie oft Abends auf die Weide und bleiben bei hohen Temperaturen im Stall – hier hat die Familie Heil mit einer Berieselungsanlage den Tieren einen gewissen Komfort eingebaut. Ein Zwischenruf aus der Besuchergruppe brachte jedoch die Hintergründe an den Tag – „In meinem nächsten Leben werde ich eine Kuh!“ stellte Gudrun Nixdorf fest, “dann geht es mir echt gut“ – „Aber nur solange sie die geforderte Leistung bringen“ antwortete Karl Heil „ sonst kommen sie schnell in den Schlachthof“.

Auch im Winter können die Tiere nach draußen, lediglich starker Frost, der das Wasser gefrieren lässt, veranlasst die Schließung der Türen. Eine weitere Tatsache ließ die Besucher erstaunen. Die Kühe werden über einen Fütterungscomputer gefüttert, d.h. jede Kuh trägt einen Chip um den Hals, der ihr genau Menge, Zusammensetzung und den Zeitraum der Fütterung gewährleistet. Die Zusammensetzung und Menge wird durch die Untersuchung der Milchleistung ermittelt. 12-13 Liter Mich erzeugt die Kuh durch das normale Grün(Grund)-futter, was darüber hinausgeht bringt das zugefütterte „Kraftfutter“ – nicht die umstrittenen Futterkomponenten aus den Medienberichten – sondern ein auf dem Hof hergestelltes und gemischtes eiweißreiches Futter aus Mais, Weizen, Wintergerste, Soja (zugekauft) und Mineralien. Dadurch erhöht sich die Leistung auf bis zu 44 Liter (Durchschnitt 20 Liter) am Tag, ca. 5000 Liter pro Jahr.

Das Grundfutter besteht aus frischem Gras oder Grassilage (Rundballensilo) – hier konnten sich die Besucher vor Ort davon überzeugen, das hier nichts stinkt und aussickert – beides so Karl Heil wäre ein Zeichen, dass das Silo kaputt ist und zum einen würden die Tiere es nicht fressen und zum anderen wäre es ein beträchtlicher Schaden für den Hof, wenn das Futter nicht optimal wäre – und schon deshalb ist man bemüht es optimal herzustellen. Doch auch hier spielt die internationale Komponente mit. Heil ist bei weitem kein Gegner Europas – doch so lange die Mitgliedsländer nicht einheitliche Standards haben ist kein gerechtes Wirtschaften möglich. So kostet z.B. das, bei uns seit Jahren verbotene Mais-Spritzmittel Antrazin 13,- /ha, was in Frankreich immer noch erlaubt ist – die neuen deutschen Produkte aber kosten 150.-/ha – was deutliche Mehrkosten für die deutschen Landwirte im europäischen Vergleich bedeutet. Eine Frage aus dem Publikum über die Rolle des Bauernverbandes bei solchen Diskrepanzen, beantwortete Kar Heil mit der zunehmenden Konkurrenz der Landwirte untereinander und der damit immer schwieriger werdenden Verbandsarbeit und der verbraucherorientierten Politik – wir (Landwirte) stellen noch 2% der Bevölkerung (und Wähler) was ist da zu erwarten? –brachte es Heil auf den Punkt.

Als nächstes besichtigte die Gruppe den Bullenstall, auch einen Laufstall. Hier stellte Heil als erstes die Frage, wie wohl das Wohlbefinden der Tiere eingeschätzt wird – da sie doch auf einem der schlecht gemachten Spaltenböden stehen! Natürlich konnte niemand feststellen wie es den Tieren ging – doch sie sahen zumindest nicht unzufrieden aus. Laut Heil ist es im Interesse des Landwirts, dass es seinen Tieren gut geht, denn nur dann bringen sie die entsprechende Leistung und den daraus resultierenden Gewinn für den Betrieb. Hier wurde sehr deutlich, dass die Gewinnoptimierung im Vordergrund steht und damit unweigerlich die Optimierung der Ställe und die Leistungsfähigkeit der Tiere. Noch einmal ging der Landwirt auf das Futter ein. Bei Gras bringt der Hektar 6 000 Stärkeeinheiten, bei Maisanbau 10 000. Die Kühe können jeweils 50% verwerten, doch die Bullen brauchen energiereichere Nahrung um mit 16-18 Monaten schlachtreif zu sein. Sie bekommen 100% hofeigenes Kraftfutter und ein wenig Stroh – zur Verdauung. 

 

Abschließend lud die Familie Heil in den zum Schlachthaus umgebauten Gewölbestall zur Kurzinformation über die Veränderungen in der Landwirtschaft ein – dazu gab es Milch aus eigener Produktion – natürlich abgekocht !

 

An Hand von anschaulichen Tabellen erläuterte Karl Heil, dass immer weniger Bauern immer mehr Menschen ernähren. Produzierte ein Landwirt 1950 Nahrungsmittel für 15 Menschen, so reicht es heute für über hundert. Die Bauern werden weniger, die Höfe größer und die Produktivität nimmt immer mehr zu – bessere Technik und ständig verbesserte  Züchtungen  gewährleisten dies. Trotz der stetigen Abnahme von Höfen produzieren noch immer 2/3 der Bauern unrentabel und sind früher oder später zum Aufgeben gezwungen. Ein weiterer Punkt sind die Lebensmittelpreise in Deutschland: Die Preise nehmen kontinuierlich ab, die Verbraucher wollen immer billigere Lebensmittel ! Im Ausland werden z. T. 30% mehr für die Lebensmittel bezahlt. Der Nachwuchs in der Landwirtschaft wird weniger, doch die jungen Menschen, die Landwirt werden, sind gut ausgebildet, hoch qualifiziert und hoch motiviert. Für viele negative Entwicklungen in der Landwirtschaft macht Landwirt Heil auch das Verbraucherverhalten verantwortlich – jedem muß bewußt sein, dass er billigere Nahrungsmittel nicht ohne Abstriche bekommen kann.

Folien aus Bayer.Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten:

Land- und Forstwirtschaft in Bayern -Daten und Fakten Stand 2001

Nach fast 2 Stunden bedankte sich Volkhard Nixdorf bei der Familie Heil für deren Engagement und Mühe der ArGe-Naherholung den Ursprung des Lebensmittels Milch darzustellen und wünschte ihnen auch weiterhin viel Erfolg in ihrer Produktions-Nische, die sie im Poschenhof aufgebaut haben.
 

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Rainer Pasta 09-2001