Öko-Gespräch in Vimperk/Winterberg 2000

Bayerische Muscheln vermehren sich mit böhmischer Hilfe
ArGe Naherholung gastiert bei 2. Winterberger Ökogespräch - 
Neue Erkenntnisse über die Flußperlmuschel 

Auf Einladung ihres Partnervereins besuchte die ArGe Naherholung Anfang April eine Naturschutztagung im tschechischen Vimperk. Neben interessanten Fachvorträgen stand eine Exkursion auf dem Programm, bei der neben einer Fischzuchtanlage im tschech. Nationalpark Šumava mehrere flußbauliche Maßnahmen besichtigt wurden.

Nachdem 1999 beim ersten Winterberger Ökogespräch die theoretische Seite des Naturschutzes im Raum Šumava/Vimperk auf der Tagesordnung stand, wird ab diesem Jahr mehr der praktische Naturschutz die Winterberger Ökoseminare bestimmen. Als Einstiegsthema wurde die Flußperlmuschel und einige Maßnahmen zur Förderung der Fischpopulation im Nationalpark Šumava gewählt.

Nachdem Mgr. Frantisek Kadoch, Vorsitzender des Vereins zum Schutz der Natur im Šumava in Winterberg die Tagung eröffnete, begrüßte er neben den fünf Referenten, besonders den Bürgermeister der Stadt Winterberg und die Teilnehmer aus dem Labertal.

In seinem Hauptreferat informierte Dr. Jar. Hruska über die äußerst komplexe Lebensweise von Margaritifera marg. L., wie die Flußperlmuschel zoologisch heißt. Schon nach wenigen Sätzen wurde deutlich, daß die Gefährdung der Muschelbestände in ganz Europa, so auch im Šumava oder in Niederbayern, auf einem ganzen Komplex von Ursachen beruht.

In Mitteleuropa gehört die Flußperlmuschel (eher gewinnt man im Lotto eine Million Mark, als daß man in einer Flußperlmuschel eine Perle findet) zu den akut vom Aussterben bedrohten Arten. In Niederbayern und Oberfranken leben etwa 80 % des gesamten Bestandes der Bundesrepublik.
Seit ca 30 Jahren vermehren sich die über 100 Jahre alt werdenden Muscheln nicht mehr auf natürlichem Wege. Die vernetzte Abhängigkeit von Wasserqualität, Wassertemperatur, Nahrungsangebot und die Wechselbeziehung zu den Wirtsfischen (Larvenstadium in Forellen) beschert eine Vielfalt von störenden Einflüssen bei der Vermehrung. Ein Pilotprojekt 1988 in Bayern brachte keinen Erfolg.

Bei seinen Forschungen bezog sich Herr Hruska vor allem auf die Muschelbestände im Blanice-Fluß in Südböhmen. Hier findet man den größten Muschelbestand mit ca 130.000 Exemplaren. Hier baute man 1992 auch die erste Muschelzuchtanlage um bei der Nachzucht der selten gewordenen Tiere einen optimalen Naturraum zu verwenden. Doch was mach das Blanice-System zu diesem exponierten Standort?

Neben der Reinhaltung des Wassers (dies brachte keine Vermehrungserfolge bei Bayerischen Versuchen) ist im Blanice-Bereich die Landschaft weitgehend naturbelassen und somit durchzogen von kleinen, im flachen Wurzelbereich der Wiesen und Wälder mäandrierenden, Bächen und Rinnsalen. Und hier liegt laut Dr. Hruska das Erfolgsgeheimnis. Das die Wurzelbereiche umspülende Wasser löst Nähr- und Baustoffe für die Entwicklung der kleinen Muscheln. Können sich Alttiere auch in weniger naturnahen Gewässern beiderseits der bayerisch-tschechischen Grenze noch einigermaßen halten, fehlt seit Jahrzehnten die natürliche Verjüngung, so daß die meisten Bestände völlig überaltert sind. Klappt die Vermehrung der Muscheln mit Hilfe ihrer Wirtsfische noch einigermaßen, so überlebt der Nachwuchs die weitere Entwicklung nicht. Nun ist es möglich in der Muschelzuchtanlage an der Blanice die Aufzucht zu optimieren und das langsame Heranwachsen der Jungtiere zu gewährleisten. So findet sich in der Anlage auch Muschelnachwuchs aus dem Landkreisen Straubing -Bogen und Passau, natürlich strikt getrennt von anderen Muschel, um die genetische Reinheit der Bestände zu gewährleisten. Herrn Dr. Hruska gelang erstmals die Vermehrung von Margaritifera marg. und er hofft durch seine Arbeit die Muschelbestände im Böhmerwald und den angrenzenden Naturräumen erhalten zu können. 

Doch, so Dr. Hruska, ist es mit der Vermehrung und Aufzucht der Muscheln nicht getan. Die Zeit bis zur Freisetzung (ca. 10 Jahre dauert die Entwicklung der jungen Muscheln !!) muß unbedingt genutzt werden um die betreffenden Flußabschnitte zu renaturieren, um eine natürliche Vermehrung der Spezies zu gewährleisten.

Bei der anschließenden Diskussion stellte Vorstand Klaus Storm den Bezug zur Bachmuschel-Population im Labertal her, da auch hier die Bestände sich nicht verjüngen und die Maßnahmen zur Gewässerreinhaltung alleine nicht zu greifen scheinen.Die weiteren Beiträge zum Thema angewandter Naturschutz bestritten die Teilnehmer der ArGe Naherholung:

Klaus Storm stellte das Bayerische Arten- und Biotopschutzprogramm vor. Interessant waren für unsere tschech. Freunde vor allem die Ziele des Programmes: die langfristige Sicherung der bestehenden Biotope, der Aufbau eines Biotopverbundes und der Erhalt, bzw. die Schaffung einer umwelt-verträglichen und Ressourcen schonenden Landnutzung. Ebenso wichtig waren für die Zuhörer die bestehenden Finanzierungsmöglichkeiten: Das Landschaftspflegeprogramm, der Bayer. Naturschutzfond und der Vertragsnaturschutz. 

Rudi Raum, Geschäftsführer der Gemeinde Runding, Beirat der ArGe Naherholung, erläuterte die raumplanerischen Möglichkeiten den Naturschutz auf gemeindlicher Ebene umzusetzen. Nicht allein das Vorhandensein eines Landschafts-planes gewährleiste eine Verbesserung, so Herr Raum, sondern erst die Festsetzung des Naturschutzgedankens in den Köpfen der Politiker und Bürger bringt den erwarteten Erfolg.

Fledermausschutz im Landkreis Straubing- Bogen war das Thema des Kurzreferates von Gottfried Aigner, Vertreter des BUND in der ArGe Naherholung. Von den 19 in Bayern vorkommenden Fledermausarten finden sich im Landkreis immerhin 16. Darunter gefährdete Arten wie das Große Mausohr. Durch Verbesserung der Akzeptanz in der Bevölkerung und der Anlage von Nahrungsbiotopen ist es zu verdanken, daß sich die Populationen um ca. 34 % verbesserten. So finden die ehrenamtlichen Fledermausbetreuer auch im Labertal interessante Vorkommen. Vor allem in Mallersdorf und Eitiing finden sich große Kolonien.

Zum Abschluß des Vormittagsprogramms berichtete Arbeitsgruppenleiter Rainer Pasta über die Vernetzungsmöglichkeiten von städt. Entwicklung, Naherholung und Naturschutz. An Hand der rekultivierten Müll- und Bauschuttdeponie in Geiselhöring zeigte er die Möglichkeiten der Entwicklung städt. Randbereiche zu Erholungseinrichtungen auf und berichtete über die Anlage und Entwicklung des Biotoplehrpfades auf dem Geiselhöringer Bauschutthügel.

Der zweite Teil des Tagungsprogrammes führte die Gruppe tief in den Böhmerwald nach Borova Lada, der Fischzuchtstaion des Nationalparkes Šumava. Hier werden auf einer Höhe von 900 m über NN die Besatzfische für die Flüsse im Nationalparkbereich herangezogen. Genetische Reinheit und an die natürlichen Gegebenheiten angepaßte Aufzucht (saueres Wasser, langsame Entwicklung) sind das Ziel der Station. Neben Bach - und Regenbogenforellen werden auch viele Kleinfische vermehrt. Eine 90% Erfolgsquote bei der Aufzucht bestätigt diesen Ansatz.

Zum Abschluß besuchte man verschiedene flußbauliche Maßnahmen in Ferchenhaid und Kvilda. Ziel der Nationalparkverwaltung ist es, bis 2003, die Durchgängigkeit der Flüße Moldau und Widra wieder herzustellen. Wehre und Staustufen verhindern, wie bei uns, weitgehend den Wanderweg der Altfische zu den Laichplätzen. 

Mit Fischtreppen und Umleitungen wird diese Durchgängigkeit unter Aufwendung hoher Kosten wieder hergestellt. Hierbei greifen die Verantwortlichen auf die Erfahrungen der Bayer. Kollegen aus den Jahren 95/96 zurück.

Zum wiederholten Male zeigte sich an diesem Tag, daß besonders die Belange des Naturschutzes einer länderübergreifenden Zusammenarbeit auf allen Ebenen bedürfen. 
Die Lebensumstände der Flußperlmuschel zeigen uns, daß es nicht reicht die Schäden zu begrenzen. Es ist vielmehr erforderlich den ganzen Lebensraum zu erhalten, um einen Fortbestand zu gewährleisten. Dies gilt genauso für das Grüne Dach Europas, die Nationalparke Bayerischer Wald/ Šumava als auch für das Mittlere Labertal direkt vor unserer Haustüre. 

Text und Fotos: Rainer Pasta - 2000