Öko-Gespräch in Vimperk/Winterberg 2003

 

Der Käfer bringt´s an den Tag: Kontroversen überall
Der Borkenkäfer als zentrales Thema des 5. Winterberger Ökogesprächs

Bereits zum 5. Mal fand nun das Winterberger Ökogespräch statt und der Verein zum Schutz der Natur im Böhmerwald hat natürlich seinen Partnerverein aus dem Labertal dazu eingeladen. Ebenso selbstverständlich ist eine Abordnung der ArGe Naherholung dieser Einladung nachgekommen und hat sich mit dem Thema Borkenkäfer auseinandergesetzt - kontroverse Diskussionen und unterschiedlichste Positionen prägten die Veranstaltung, doch brachten objektive Informationen für alle Teilnehmer neue Erkenntnisse und trugen zur weiteren Meinungsbildung bei.

 

Nachdem 1. Vorstand, Dusan Zampach, die Referenten und die Gäste aus dem Labertal begrüßt hatte, stellte er das Programm des 5. Winterberger Ökogespräches vor und lud die Teilnehmer am Nachmittag zu einer interessanten Exkursion nach Rokyta (Infozentrum mit geologischer Ausstellung) und zum Wasserkraftwerk Vydra ein, in dem eine Ausstellung zum Thema "Energie im Böhmerwald" gezeigt wird. Es bot sich auch die Gelegenheit einen Waldspaziergang im betroffenen Gebiet zu machen.

Anfangs referierte Ingenieurin Jarka Martanova über die Entwicklung des Waldmanagements im Nationalpark Sumava und legte hier besonderen Wert auf die Entwicklung der Management-Grundsätze und die Schwachpunkte der politischen Vorgaben. Ingenieurin Martanova gliederte die Entwicklung in drei Zeiträume und erläuterte die wichtigsten Entscheidungen. In den Jahren 1989-93, also die Zeit direkt nach der sanften Revolution, beschränkte sich die Nationalparkidee auf die Vorgaben des tschech. Naturschutzgesetzes von 1956 und die persönliche Situation des jeweiligen Direktors. Aus den ehemaligen Naturschutzgebieten (Waldgebiet zwischen Rachel- und Lusengipfel, Moldauauen und einzelne Kleinstrukturen) entwickelte sich der Nationalpark Sumava. Die entsprechende Regierungsverordnung legte lediglich die Aufteilung in die Schutzgebietszonen und die vom Menschen beeinflußten Bereiche fest. Es waren keinerlei Management-Anweisungen oder Zielvorgaben zur Waldbewirtschaftung/ bzw. Waldentwicklung vorhanden. Die personellen Fluktuationen, die Differenzen zwischen Nationalparkverwaltung und Umweltministerium und das fehlende Einbeziehen der regionalen Entwicklung in das Nationalparkkonzept waren eine denkbar ungünstige Startbedingung für den Nationalpark Sumava, so Frau Martanova. Erst 1993 bekam die Nationalparkverwaltung eigene Flächen zugewiesen und 1994, unter dem mittlerweile dritten Direktor, erteilte das Umweltministerium den Auftrag ein Zonierungskonzept zu erarbeiten.

Borkenkäferbekämpfung im Nationalpark
Die Jahre 1994 bis 2000 brachten eine Verbesserung der Situation für den 69000 ha großen Nationalpark (davon 56000 ha Staatswald). Die bisher ausgewiesenen Schutzbereiche (56) wurden auf 135 erhöht, in der gesamten Fläche jedoch verringert. Erstmalig wurde ein Kriterienkatalog für die Schutzzonen erstellt: Urwaldgebiete, naturnahe Gebiete mit Potential und autochthone Bestände bildeten die Gebiete der Zone 1, in der keine Eingriffe vorgesehen waren. Weiterhin gab es jedoch keinerlei Zielvorgaben zur Entwicklung der restlichen Gebiete. Somit kam es schnell zu Diskussionen und Konflikten über das weitere Vorgehen, besonders als die Borkenkäferkalamität zunahm. Die Eingriffe in der Zone 2 stießen auf große Kritik, insbesondere als die massive Borkenkäferbekämpfung große Schäden, vor allem in erosionsgefährdeten Gebieten, hervorrief. Im Jahre 1997 trat in der Nationalparkverwaltung ein neuer stellvertretender Direktor seinen Dienst an, dessen persönliche Einstellung eine Ausweitung der Borkenkäferbekämpfung zur Folge hatte und damit einen erhöhten Druck auf die Kernzonen bedeutete. Diese Entwicklung rief einen ernsten Konflikt mit dem Nationalparkrat auf die Tagesordnung, da die hier etablierten Fachleute am Schutzgedanken der Kernzonen festhalten wollten. Das Umweltministerium verhielt sich zuerst weitgehend neutral, so daß eine Empfehlung des Nationalparkrates zur Einstellung der Bekämpfung erfolgte. Die Einflüsse der Forstlobby hatten aber zur Folge, daß das Umweltministerium zumindest eine differenzierte Bekämpfung genehmigte, worauf der Konflikt eskalierte und weitgehend in den Medien ausgetragen wurde. Die bisherige Konzeption wurde aufgelöst und der Naturschutz nahm ernsthaften Schaden. Erst 1999 verbesserte sich die Situation durch die Festschreibung eines Pflege- und Managementplans, der eine dreiteilige Zonierung (zusätzliche Entwicklungszone) bedeutete. Die Kernzonen wurden um 6000 ha auf ca 15000 ha erweitert.

Die Jahre 2001-2003 brachten eine erneute Veränderung. Im Rahmen der Privatisierungsbemühungen wurden große Teile des Staatswaldes an die betroffenen Gemeinden (Bergreichenstein :4800 ha im zentralen Bereich; Wallern: 1000 ha in den Moldauauen ) und an Privatbesitzer zurückgegeben. Waren die Gemeinden schon von Anfang an nicht von der Nationalparkidee begeistert, so standen dieser jetzt handfeste wirtschaftliche Gründe im Weg. Der derzeitige Stand ist der, daß in etwa 25% der Kernzonen differenzierte Eingriffe erlaubt sind und Windbrüche aufgearbeitet werden, das Holz jedoch im Bestand verbleibt. Lediglich im Bereich Lusen-Rachel wird keine Bekämpfung durchgeführt. In den neu geschaffenen Zonen 2 (Entwicklungszone) verbleibt 20% der Holzmasse im Bestand.

Abschließend fasste Frau Ingenieurin Martanova wie folgt zusammen: Die Lage hat sich weiter verkompliziert und verschärft. Der neue Umweltminister der Regierung Spidla wird neue Aspekte in die Diskussion bringen und man muß sehen was kommt.

In einer sehr persönlichen Stellungnahme forderte Frau Martanova, daß die Gemeinden endlich den Nationalpark als "ihren Nationalpark" erkennen müssen. Es müssen auch für die privatisierten Flächen Managementvorgaben erstellt werden und die persönlichen Einflüsse aus Politik und Verwaltung zugunsten eines dauerhaften Konzeptes und fundierten Entwicklungsvisionen zurückstehen, so Martanova. Der "mediale Krieg" zwischen den einzelnen Beteiligten muß einer echten Kooperation weichen und die regionalen Belange müssen in den Entwicklungskonzepten berücksichtigt werden. Die parteipolitische Ausschlachtung der kontroversen Positionen hatte zur Folge, dass der Nationalpark an internationalem Ansehen verlor. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die emotionslose Ergebnissuche und die Entwicklung von dauerhaften Zielvorgaben sind unumgänglich.

In der anschließenden Diskussion wurde die Forderung laut, daß die Nationalparkführung endlich eine ökologische Komponente bekommen muß. Nach reinem Funktionärsgebaren und einer forstwirtschaftlichen Ausrichtung sei nun ein reines Management vorhanden, resümierte Vorsitzender Klaus Storm. Er forderte die Gratwanderung zu beenden und endlich der Ökologie die Rolle zukommen zu lassen, die sie bracht, um den Nationalpark Sumava (zusammen mit dem Nationalpark Bayerischer Wald) zu dem werden zu lassen, was er ist - die grüne Mitte Europas.

Das zweite Referat bestritt Pavel Hubeny, der Leiter des Landschaftsschutzgebietes rund um den Nationalpark. Herr Hubeny konzentrierte sich bei seinen Ausführungen auf das Naturschutzgebiet zwischen dem Schwarzen See und dem Teufelssee, da im sonstigen Bereich des Landschaftsschutzgebiet seine Behörde lediglich eine beratende Funktion hat. Das behandelte Gebiet sei insofern interessant, da es bereits 1991 unter dem damaligen Besitzer (v. Hohenzollern) als Schutzgebiet ausgewiesen wurde, in dem der Zugang beschränkt war und lediglich vereinzelt Bäume geerntet wurden. Die Jagd war erlaubt, die Aufarbeitung von Windbrüchen gefordert, doch das anfallende Holz blieb im Bestand. Das Gebiet hatte auch in den folgenden Jahrzehnten Schutzgebiet und war ab 1948 als Bereich des Grenzstreifens absolut unzugänglich.

Pollenuntersuchungen machen Waldentwicklung deutlich Wissenschaftliche Pollenuntersuchungen in den Erdschichten zeichnen ein sehr deutliches Bild der Entwicklung über mehrere tausend Jahre. So stellte Hubeny die Entwicklung der Baumartenzusammensetzung an Hand von Schaubildern vor. Deutlich sind die menschlichen Einflüsse, aber auch die natürliche Fluktuationen sichtbar. Einschneidend sind die Entwicklungen der letzten 500 Jahre, in denen sich die Baumartenzusammensetzung entscheidend änderte:
Waren Buchen und Hainbuchen immer vorherrschend, die Tannen schwankend und die Fichtenbestände gering, so stieg der Fichtenanteil (ebenso die Hasel) dramatisch an und die Buchen verschwanden fast ganz.
Dies sind eindeutig die Folgen der Wanderglashütten und die Ergebnisse der menschlichen Waldbewirtschaftung, so Hubeny. Besonders deutlich wird die Entwicklung in den letzten Jahrhunderten, die immer besser mit alten Karten nachzuvollziehen ist. Die ersten Waldkarten stammen aus dem Jahre 1876, wo Kahlschläge, Aufforstungen, aber auch Altbestände zu finden sind. Ebenso auf Karten aus dem Jahre 1922, auf denen sich die weitere Entwicklung belegen läßt. Heute arbeitet man mit Luftbildern und so werden die Waldschäden in den Höhenlagen immer deutlicher - gefolgt von den zunehmenden Käferflächen. Es nimmt die Baumdichte im Urwaldbereich auch immer mehr ab, die Anzahl der abgestorbenen Bäume erhöht sich auf über 50%. Dies ist die Folge natürlicher Verdrängungsmechanismen, wenn die Spitzenphase eines Bestandes überschritten ist. Borkenkäferbefall ist hier ein natürlicher Faktor zur Waldverjüngung, bestätigt Hubeny. Problematisch wird die Sache aber bei aufgeforsteten, wenig strukturierten Bereichen (in Folge der Waldumbaues von Buche auf Fichte durch die Glashütten), wo die Bestände immer labiler und instabiler werden. Ebenso bergen die Käferbekämpfungsmaßnahmen ein zusätzliches Risiko. Durch unterschiedliche Bewirtschaftung der Käferbereiche (z.T. keine Eingriffe aus organisatorischen Gründen) konnten entsprechende Beobachtungen gemacht werden. Untersucht wurden Einschläge mit Abtransport, Fällen der Bäume und Entrinden mit Verbleib des Holzes auf der Flächen und Flächen ohne Eingriff.

Die Untersuchungen der jeweiligen Käfergebiete brachte ein deutliches Ergebnis: Borkenkäferbefall reguliert sich nach einigen Jahren in der Regel von selbst - so die eindeutige Aussage! Lediglich die Eingriffe des Menschen bringen die Situation außer Kontrolle: So stoppen die Eingriffe die Kalamität nicht, aber die entstandenen Schäden (Erosion, Wurzelschäden durch Magnesiumauswaschung) und die Freistellung der Bestandsränder ( durch Ausräumen der sogenannten "Käfernester") bieten Angriffsflächen für stärkere Winde und führen zu Windbrüchen, die dann die Käferpopulation explodieren lassen. Die Aufforstung der Kahlflächen brachte die bekannten Probleme. (Wildverbiss, hoher Pflegeaufwand).

Die anschließende Diskussion drehte sich um die Ursache der zunehmenden Windbrüche. Hubeny konnte eine erhöhte Sturmbelastung nicht bestätigen - 5 Stürme pro Jahr seien für den Böhmerwald normal, lediglich die geöffneten Waldbereiche seien wesentlich empfindlicher und bieten extreme Angriffsflächen, so die Erkenntnisse. Des weiteren ging es um die Aufforstungen im Nationalparkbereich, wobei in Lagen bis 1300m die Naturverjüngung mit Fichte, Tanne und Eberesche normal verliefe, bestätigte Hubeny - es sei aber immer noch üblich, zuzupflanzen.

Ips typographus- der Buchdrucker

Im weiteren Verlauf der Tagung befasste sich Beirat Gottfried Aigner mit dem vermeintlichen Verursacher all dieser Probleme - dem Borkenkäfer Ips typographus - dem so genannten Buchdrucker. Aigner stellte die Entwicklung des Buchdruckers, einer von 147 bekannten Borkenkäferarten, vor - von der Eiablage bis zum fertigen Insekt. Dabei zeigte sich, daß der Käfer auf geschwächte Bäume angewiesen ist, die wenig Harzdruck (Folge von physiologischer Schwäche durch Emissionen, Windwurf u.s.w.) haben. Eigentlich ist der Borkenkäfer, so Aigner, ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems Wald - der zur Waldverjüngung und Aufarbeitung geschwächter und absterbender Bäume beiträgt. Er verursacht keine Waldschäden - er zeigt diese lediglich auf. Erschreckend sind für uns die zerstörerischen Aspekte einer Massenvermehrung, begünstigt durch extreme Bedingungen: große Windbruchflächen, Trockenheit....Nach neuesten Erkenntnissen, die u.a. in den Käfergebieten des Nationalparks Bayerischer Wald ermittelt wurden, steuert sich die Bevölkerungsdichte der Borkenkäfer von selbst. Sind die geschwächten Bäume optimal vom Käfer besiedelt, wehren Geruchstoffe von Pilzen, die der Käferbefall mit sich bringt, weitere Käfer ab - eine optimale Versorgung der Larven wäre sonst gefährdet. Ebenfalls reagiert die Natur mit geringen Reproduktionszahlen auf hohe Populationsdichte und einer vermehrten Zunahme der natürlichen Feinde des Borkenkäfers (Schlupfwespen, Ameisenbuntkäfer,...). Greift der Mensch nun in diese komplexen Systeme ein, gerechtfertigt oder nicht, so reagiert das Ökosystem entsprechend. Legt ein Käferweibchen normal 12-15 Eier, so reduziert sich dies im Befallsverlauf auf 8-10. Bei künstlicher Entnahme von Käferpopulationen und extremen Futterangebot (durch Windwurf) kann es sich aber auch schnell auf 60 Eier erhöhen - was hilft es da, einzelne Fangbäume mit hohem Aufwand und der Gefahr von zusätzlichen Waldschäden herauszunehmen, fragte der Referent. Dabei reagiert man jedoch nur auf Symptome - nicht auf die Ursachen der Massenvermehrung, wie Emissionen und Monokulturen.

Sicherlich ist das Leiden der Förster und Waldbesitzer im Angesicht sterbender Bäume und zusammenberechender, vermodernder Wälder auch verständlich, so Aigner , doch ist es meist ein Problem der menschlichen Psyche, die immer mehr auf Ertrag und Ergebnis (schlicht auf Geld) fixiert ist und nicht auf das große Ganze. Je nach Standpunkt, Funktion und persönlicher Ansicht wird die Borkenkäferproblematik anders bewertet - und die verantwortlichen Politiker (in ihrem Suchen nach Wählerstimmen) stehen finanziellen Argumenten oft näher als dem Kreislauf der Natur, gab Aigner zu bedenken
In der anschließenden Diskussionsrunde ging es um die faktische Präsenz des Borkenkäfers in den Wäldern. Aigner verglich die Borkenkäferpräsenz mit dem überall vorhandenen Herpesvirus (wer kennt das nicht). Bricht es einmal aus, dann hat man 7 Tage Bläschen auf der Lippe - oder man ist im Dauerstress und plagt sich manchmal 6 Monate damit - genauso verhält es sich mit gesunden und kranken Wäldern und dem Borkenkäfer.

Abschließend referierte der 1. Vorsitzende der ArGe Naherholung, Klaus Storm, über die Situation im Nationalpark Bayerischer Wald. Hat der Urwald in Böhmen eine lange Tradition (z.B. der Urwald des Fürsten Schwarzenberg auf dem Boubin), so ist in heutiger Zeit die Entwicklung zum Urwald in Bayern eher zu finden als in Böhmen. Diese Entwicklung lief auch bei uns nicht ohne Probleme ab. Man denke nur mal an die vielen, z.T. ideologisch geprägten.
Diskussionen im Umfeld des Nationalparks und dessen Erweiterung. Ein breites Spannungsfeld ist auch heute noch zu finden. Beschäftigt man sich jedoch mit der tatsächlichen Entwicklung im Nationalpark (so wie die ArGe Naherholung und der Partnerverein bei der Sommerexkursion 2001) so findet man von der Aggression und dem ablehnenden Zweifel (beim Anblick des "sterbenden Waldes") über das suchende Nachfragen zum zunehmenden Verständnis ( beim Erkennen des "nachwachsenden Waldes"). Am Ende steht oft die zustimmende, staunende Akzeptanz und die Erkenntnis, dass "Natur Natur sein lassen" (Leitbild des Nationalparks Bayerischer Wald) eine gute Alternative sein kann. "Das alleinige Recht der sich selbst entwickelnden Natur des wilden Waldes" kann und muß ebenso zu unserem Selbstverständnis gehören, wie die wirtschaftlichen Belange des Nutzwaldes mit all seinen Erfordernissen. Beides, wilde Natur und Wirtschaftswald, müssen zu unserer Landschaft gehören - erreichen werden wir dies aber nur mit der Abkehr von anfälligen Monokulturen mit einer unwirtschaftlichen Waldpflege. Noch müssen wir die Randlagen des Nationalparks gezielt bewirtschaften, um die angrenzenden Nutzwälder zu schützen, doch ob diese Philosophie sinnvoll und erfolgversprechend ist, darüber darf nachgedacht werden, emotionsfrei und sachlich. Polarisierung und verhärtete Fronten bringen uns dabei nicht weiter, so Klaus Storm.

Schaut man auf den Boden, sieht man den zukünftigen Wald

In der abschließenden Diskussion wurden selbst in dem engen Kreis der Tagungsteilnehmer die kontroversen Meinungen deutlich.
Die Frage ob sich die Natur selbst helfen kann, stellte sich wie von selbst. Doch sieht man nicht immer nur in den Himmel - auf die absterbenden Baumkronen , sondern mehr auf den Boden - auf den nachwachsenden Wald - wird einem die Beurteilung der
Situation oftmals einfacher. Mit offenen Augen und offenem Geist lernen, erfahren und erleben - und die Grenzen des menschlichen Handelns erkennen, dann kann jeder die Nationalparkidee als Alternative akzeptieren.

Exkursion
Nach einem gemeinsamen Mittagessen besuchte man anlässlich des Ökogespräches das Nationalpark-Infozentrum Rokyta. Die Ausstellung hier befasst sich mit dem Schwarzenberger Schwemmkanal, und damit mit der Holzernte und der daraus resultierenden Situation heute. Neben der genannten Ausstellung befindet sich in Rokyta auch eine geologische Exposition, in der die verschiedensten Gesteinsarten des Böhmerwaldes vorgestellt werden.

Anschließend ging es zum Vydra-Kraftwerk, in dem eine interessante Ausstellung über die Energiegewinnung im Böhmerwald stattfindet, und dem kleinen Kraftwerk Vinzenzsäge. Viele Wasserkraftwerke im Böhmerwald entstanden in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, basierend auf dem Kanalsystem des Ingenieurs Josef Rosenauer Ende des 18. Jahrhunderts. So ist dieser Arbeit, neben den technischen Entwicklungen und den imposanten Investitionen, ein Großteil der Ausstellung gewidmet. Als historisches Industriedenkmal ist das Kraftwerk Vinzenzsäge ein lohnendes Ziel, denn es arbeitet seit 84 Jahren fast unverändert.

Waldspaziergang bei Popelna

Immer wieder ist der Wald bei Popelna ein lohnendes Ausflugsziel. Nicht nur weil auf dem Bergrücken ein keltisches Opidum  zu finden ist, sondern wegen seiner berauschenden Aussicht, u.a. auf die Burg Karlsberg. Auf dem Weg zum Opidum durchschreitet man die verschiedensten Waldregionen. Am Fuß des Hügels, bei Popelna, ist der Wald offensichtlich noch in Ordnung. Gesundes Grün und  dichte Kronen. Auf dem Weg nach oben, ändert sich das Bild jedoch sehr schnell. Als erstes fallen die vielen Zweige auf dem Boden auf- wohin man sieht abgebrochne Zweige, mit nur noch grünen Spitzen und kranken Nadeljahrgängen schon im 2. Triebabschnitt. Besonders die Tannenzweige sind auffallend – braun und zerfressen, wie vom Streusalz. Dann die ersten dürren Bäume, kleinere und dann immer stärker werdend – aber noch in akzeptabler Anzahl. Auffallend sind auch die Tausende von Fichten- und Tannenzapfen auf dem Boden. Alles zusammen ein Zeichen, dass der Wald krank ist. Lichte Baumkronen, absterbende Nadeljahrgänge und ein Übermaß an Samenbildung. Nähert man sich dem Gipfelbereich, wird der Wald schnell dünner, erste gefallene Bäume, aufgerissene Wurzelteller . Und überall wo Licht hinkommt und der Boden bereitet – diesmal Tausende von jungen Fichten nur wenige Zentimeter groß- aber dicht wie Moos. Plötzlich ändert sich alles – Steine (wie auf dem Lusen), Ebereschen und Fichten, fast 2 Meter hoch, aber dicht und dann öffnet sich der Bestand und die silbergrauen Baumleichen glänzen in der Sonne. Der Blick richtet sich unweigerlich in den Himmel- zu den abgestorbenen Wipfeln. Man kann den Schmerz der Förster und Waldbesitzer verstehen- aber gleichzeitig wandert der Blick auf den Boden – wo tatsächlich der junge Wald nachwächst. Ebereschen, Fichten, einzelne Buchen und Tannen - alle in unterschiedlichsten Größen und  stark und gesund.

Besonders im Verhau der abgebrochenen Wipfel und umgestürzten Bäume wächst der neue Wald. Mit Ehrfurcht steht man an diesem Platz – mit seiner Aussicht und dem Wissen über die Gesetze des Waldes. Und dann noch die mächtigen Steinwälle der Kelten, hier oben auf diesem unwirklichen Buckel. Doch sie werden schon gewußt haben, warum sie sich  hier oben zurückzogen.

nachwachsender Wald Blick in den Böhmerwald

 

Rainer Pasta 28. 04.2003