Begegnungen, Prager Zeitung am 4. Januar 2001

Bei Bier, Würstchen und Kolatschen fing es an

Eine deutsch-tschechische Partnerschaft feiert sechsjähriges Bestehen

Vimperk/Mallersdorf (PZ) -"Eng wird's schon", meint František Kadoch, Vorsitzender des Vereins "Spolek na ochranu šumavské prirody ve Vimperku" zu seinem Kollegen und Freund Klaus Storm aus dem niederbayerischen Mallersdorf, der die "Arbeitsgemeinschaft Naherholung - Mittleres Labertal (ArGe)", einem Verein zur Pflege von Natur und Kultur leitet, zu Beginn der Jahresschlussveranstaltung im südböhmischen Zdíkov im November 2000. Da sitzen sie nun beisammen. Im Alltag fast 200 Kilometer voneinander getrennt: 80 Tschechen und 30 Deutsche in einem Verein. Die Sorge um die Natur, um das "grüne Herz von Europa", macht's möglich; das gemeinsame Interesse an ökologischen Problemen und die menschlichen Begegnungen nach dein Fall des "Eisernen Vorhangs" Ende 1989. "Wir wollten diese neue Seite in den Beziehungen von Tschechen und Deutschen aufschlagen, nach der gemeinsam verlorenen Geschichte des 20. Jahrhunderts und uns von der Basis her um das wertvolle Naturerbe kümmern. Das ist unsere Anliegen von Anfang an", so Klaus Storm.

Beginn vor sechs Jahren

Aus den Begegnungen im Böhmerwald entstand eine herzliche Partnerschaft, die im Herbst 2001 in Vimperk einen Höhepunkt in der Feier zum 10-jährigen Jubiläum finden wird.

"Vor sechs Jahren hatte ich den ersten Kontakt mit der ehemaligen Heimat meiner Familie", berichtet Rainer Pasta, Arbeitsgruppenleiter der ArGe, über die Anfänge der Partnerschaft. Der ostbayerische Verein bot damals die Gelegenheit, die Generalversammlung in Winterberg zu besuchen. Die Spannung bei den deutschen Teilnehmern sei sehr groß gewesen. "Was sind das für Leute? Wie werden wir aufgenommen? Wie soll man sich verständigen? Was soll man sagen? Ist es ratsam, über seine böhmischen Wurzeln zu reden? Fuhr man nun nach Winterberg oder Vimperk? fragten wir uns damals", erinnert sich Rainer Pasta. Auch Ängste und Zweifel seien aufgekommen.

Die Quartiersuche, die kurze Fahrt zum Schloss, dem damaligen Sitz der Nationalparkverwaltung, sind noch in guter Erinnerung. "Der volle Saal, irgendwie typisch Ostblock, nüchtern, etwas muffig und mittendrin ein Tisch, freigehalten für uns", beschreibt Pasta die erste Begegnung. Man schüttelte brav Hände, erwiderte die Grüße. Dann wurden pivo, párky und selbstgemachte Kolatschen serviert. "Es war ein äußerst herzlicher Empfang", weiß noch Rainer Pasta. Der Höhepunkt jedoch war die Einladung des Vereins an seine deutschen Gäste zur Mitgliedschaft. Eine wohl bis heute nicht alltägliche Möglichkeit. So wurde die gesamte deutsche Delegation Mitglied im Verein "Freunde des Nationalparks Šumaya" mit Mitgliedsausweis und allem, was dazugehört. Man lernte die ersten Wörter, verlor die Angst, etwas Falsches zu sagen und die Scheu vor den Fremden und gewann somit das Vertrauen der Menschen.

Erwartungen

Nun begann eine Zeit stetiger Annäherung. Waren es zuerst nur Besuche zur Generalversammlung und die Ausrichtung von Veranstaltungen auf der jeweils anderen Seite der Grenze, so begann man nun, etwas gemeinsam zu unternehmen. "Es war immer so, als ob man Tanten oder Onkel besucht, im Vorfeld seine Erwartungen hat, sich nett unterhält, um dann, bei der Heimreise über das Erlebte zu tratschen. Oft waren die Erwartungen andere als das Erlebte", erzählt Pasta.

Die Deutschen möchten das Land und seine Leute kennenlernen, mehr über die reiche mitteleuropäische Kultur erfahren, die ursprüngliche Natur erwandern, Essen und Trinken in böhmischen Kneipen. Gerade letzteres, die sprichwörtlich gute böhmische Küche, habe allerdings gelitten, beschweren sich einhellig viele Vereinsfreunde. Anzutreffen sei eine Gastronomie ohne eigene Identität mit beliebiger internationaler Speisenkarte. "Aber das unverändert süffige Pilsner oder Budweiser Bier spülen manches hinunter", lacht Pasta. Andererseits versuchen die Ostbayern krampfhaft, die Freunde aus dem Böhmerwald bei ihren Besuchen mit möglichst geringen Kosten zu belasten. Worunter manchmal Zielsetzung und Gemütlichkeit leiden. In den letzten Jahren wurde es zur Gewohnheit, an den jeweiligen Jahresexkursionen des Partnervereins teilzunehmen.

So fuhren die Deutschen mit den Tschechen in die Hohe Tatra, in die Beskiden oder ins Thaya-Tal. Die tschechischen Freunde wiederum nahmen an den Fahrten ins Donaumoos, zum Rhein-Main-Donaukanal oder durchs Kleine Labertal nach Straubing teil. Jubiläen, Ausstellungen mit böhmischen Künstlern oder Konzerte werden gemeinsam organisiert. Das Winterberger Ökogespräch ist eine feste Einrichtung geworden. Die Organisation und Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten verbindet, man diskutiert und plant miteinander.

Probleme

Das schwindende Umweltbewusstsein der Bevölkerung, ob nun in Deutschland oder in Tschechien, die fehlenden Geldmittel der öffentlichen Hand, vor allem der Kommunen, machen die Arbeit auf dem Sektor Natur und Kultur nicht leichter. Andere Themen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, beherrschen die Medien und das Denken der Menschen. Wichtig ist deshalb eine gegenseitige Unterstützung in Finanzierung, Organisation und Öffentlichkeitsarbeit. Selbst in den Organisationen ist es schwierig, praktizierte Ökologie zu leben. Nachhaltigkeit ist deshalb ein Thema des 3. Winterberger Ökogesprächs im März 2001.

Aussichten

Durch die Möglichkeiten des Internets wachsen die beiden Vereine und die Kommunikation wird einfacher. Zumal auch das Sprachproblem durch die wachsende Anzahl von Übersetzern schwindet. Die Erkenntnis, dass die ökologischen Probleme nicht vor der Landesgrenze haltmachen, gibt der Partnerschaft neue Inhalte und Ansatzmöglichkeiten. Die Herzlichkeit und Offenheit im Umgang miteinander ist für beide Seiten immer wieder eine gute Erfahrung. "Hoffentlich setzt sich die egomanische Ellenbogengesellschaft auf unserer Ebene nicht so schnell durch", hofft Klaus Storm. Das ist auch die Meinung von Pavel Hubený aus Klatovy, dem Leiter des Landschaftsschutzgebietes Šumava, das den Nationalpark umgibt. Alle sind sich einig: Borkenkäfer, Goldabbau, Massentierhaltung, Luftverschmutzung, Temelin - das sind Probleme, die die Menschen über Grenzen hinweg betreffen. In der großen Politik bewegt sich wenig, die Menschen an der Basis können das verändern helfen.