200 Jahre Säkularisation
Große Opfer für eine bessere Zukunft

Die Säkularisation 1802/03 - auch Kloster Mallersdorf betroffen

Zu der Gedenkveranstaltung „200 Jahre Säkularisation“ lud die ArGe Naherholung in die Aula des Burkhart-Gymnasiums am 22. Mai 2003 in Mallersdorf-Pfaffenberg ein. 1. Vorsitzender Klaus Storm begrüßte die Anwesenden und führte die Zuhörer an des anspruchsvolle Thema heran. Hausherr Oberstudiendirektor Martin Hobmeier ging auf das Kloster Mallersdorf ein, dessen erster Abt, Burkhart, der Namenspatron des Gymnasiums ist und gab einen kurzen Abriss zur Entstehung des „modernen Bayerns“ unter Montgelas. Abschließend referierte Kreisheimatpfleger Michael Wellenhofer in seinem Festvortrag über das wechselvolle Schicksal des Klosters Mallersdorf in dieser Zeit des Umbruchs.

„Der Weg zum modernen Bayern führte über die Säkularisation!“ stellte Prof.Dr.Karl Bosl, der unvergessene Festredner zum 10-jährigen Jubiläum der ArGe 1983, in seiner „Bayerischen Geschichte“ fest: Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war in Bayern als Hauptzäsur von Gesellschaft und Kultur spürbar. Mit dem Jahre 1806 beginnt deshalb eine neue bayerische Geschichte“. Mit diesen Worten stimmte Klaus Storm, der 1. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Naherholung die interessierten Zuhörer auf das Thema Säkularisation ein. Anfänglich ist es nötig diesen Begriff, der z.Z. in aller Munde und in vielen Artikeln behandelt wird, zu definieren.

Säkularisation, so Storm,  ist jede Form der Verweltlichung. Im Besonderen die historischen Vorgänge, die zur Überleitung geistlicher Besitztümer in die Verfügungsgewalt des Staates geführt haben. Dies war bis dahin die größte politische und territoriale Umwälzung in Deutschland und sie führte zur politischen Entmachtung der katholischen Kirche.

Dieser Prozeß beschränkte sich nicht nur auf Bayern, er war ein europäischer Prozess und ging weit über die Jahre 1802/03 hinaus. Nur einige Daten sollten dies erläutern: Belehung des Adels mit Kirchengütern durch die Karolinger im 8. und 9. Jhd.; die Umwandlung des Deutschordensstaates in das erbliche Herzogtum Preußen 1525 durch Albrecht d. Älteren. In der Folge der Französischen Revolution war schon 1789 der gesamte Kirchenbesitz in Frankreich zum Nationaleigentum erklärt worden. Auch später fanden entsprechende Ereignisse statt: die Aufhebung des Kirchenstaates durch Italien (1870) oder des Kirchenvermögens in Rußland (nach 1918), sowie nach 1945 in den kommunistisch gewordenen Staaten, sind einige Beispiele.

Oberstudiendirektor Martin Hobmeier leitete zum Kloster Mallersdorf über, dessen wechselvolle Geschichte im Späteren von Kreisheimatpfleger Michael Wellenhofer beleuchtet werden sollte.

Im Jahre 1109 wurde der Mönch Burkhart vom Benediktinerkloster Bamberg zum Abt des neu zu gründenden Klosters in Mallersdorf bestellt. Mallersdorf wurde durch die Klostergründung zur herausragenden Stätte von Religion und Kultur in der Region. Es ist anzunehmen, dass Abt Burkhart – der Namenspatron des Gymnasiums- durch die Klosterschule zum Begründer einer wertvollen Schultradition geworden ist. Doch 700 Jahre später geriet die festgefügte Welt der damaligen Zeit ins Wanken.

Der sogenannte Reichsdeputationshauptschluss, das letzte große Gesetz des 1806 erloschenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dem ein zwischen Frankreich und Russland vereinbarter Entschädigungsplan vom Juni 1802 zugrunde lag, war - von der Aufhebung der Klöster abgesehen - nichts anderes als die Ausführungsbestimmung zu dieser Verfügung des Friedensvertrages von Lunéville. Hauptnutznießer waren der König von Preußen, der Kurfürst von Bayern, der Herzog von Württemberg, der Markgraf von Baden und der Landgraf von Hessen-Darmstadt. Das Ergebnis war die Entstehung der modernen süddeutschen Staaten, worauf die heutige bundesstaatliche Ordnung Deutschlands zurückgeht. Der Hauptschluss enthielt eine Bestimmung, die über den Entschädigungszweck hinausging. Artikel 35 räumte allen deutschen Fürsten ein Dispositionsrecht an den Klöstern und Stiften ihrer sämtlichen Länder ein. Damit konnten auch solche Fürsten, die keine Verluste erlitten hatten, alle Klöster und Stifte ihres Herrschaftsgebietes aufheben und ihre Güter konfiszieren. Die damals feudalistische Kirche musste sich unter großen Opfern darauf besinnen, dass der christliche Glaube nicht mit weltlicher Herrschaft verbunden sein könne. So ist die Säkularisation für die einen denn auch eine Geschichte riesigen Unrechts, hinter der eine grenzenlose Besitzgier der weltlichen Herren gestanden habe. Allerdings hätte es ohne die Säkularisation vielleicht eine Revolution wie in Frankreich gegeben, und unter die Kleinstaaterei habe man irgendwann einmal einen Schlussstrich ziehen müssen, bekräftigen die anderen. Die deutsche Landkarte erfuhr eine deutliche Bereinigung. Schließlich führten diese Vorgänge auch zum Zusammenbruch einer in fast tausend Jahren gewachsenen Staatsordnung.

Die Säkularisation erschütterte das tausendjährige Heilige Römische Reich Deutscher Nation so sehr, dass es 1806 sein Ende fand. Damals wechselten annähernd 95.000km2 Land und über 3 Millionen Bewohner ihren Besitzer. Schmerzliche Folge dieses rücksichtslosen Vorgehens, bei der Klosterbauten zu Fürstensitzen, Kasernen oder Fabriken wurden und wertvolle liturgische Geräte, Handschriften und Kunstwerke in weltliche Hände fielen, waren der Verlust Jahrhunderte alter Traditionen. Die meisten der rund 240 aufgehobenen Klöster lagen im Südwesten Deutschlands. Zum Erliegen kam auch das klösterliche Bildungswesen, an dessen Stelle erst Jahrzehnte später allmählich staatliche höhere Schulen traten. Die Klosterbibliotheken wurden teils zerstört, teils verkauft oder einbehalten, womit unschätzbare Kulturwerte verloren gingen. Kostbare Kirchengeräte, Kunstwerke und liturgische Gewänder wurden vom Staat eingezogen und oftmals zweckentfremdet. Die meisten Altäre der Klosterkirche wurden verkauft.  Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Säkularisation nicht nur die katholische Kirche geistig und materiell hart getroffen hat. Überall im ländlichen Bayern verschwanden prägende Kulturzentren, altehrwürdige Schul- und Wissenschaftsstandorte und wertvolle Kulturgüter. Kleinräumig funktionierende Wirtschaftseinheiten gingen ebenso unter wie wichtige Sozialeinrichtungen. Besonders große Auswirkungen hatte die Säkularisation natürlich auf das Leben der Klosterbewohner. Diese wurden meist vertrieben und mit Pensionen abgefunden. Wie einschneidend die Säkularisation für das Volk war, lässt sich besonders anschaulich am Leben einiger Zeitgenossen beobachten. Die Säkularisation prägte ihr Schicksal in bedeutsamer Weise und zerstörte so manchen Lebensplan- so erging es auch den Mönchen und Bediensteten in Mallersdorf. Viele Handwerker, die vom Kloster lebten, verloren ihre Existenzgrundlage. Damit ging auch ein Stück kulturgeschichtlicher Vielfalt in Bayern verloren. Durch die enormen kulturellen Verluste und die Verödung weiter Landstriche veränderte Bayern sein Gesicht. Es gab bei der Durchführung der Säkularisation zweifelsohne Auswüchse, Missbrauch und Bestechlichkeit, doch auch Verständnis und Weitblick bei den zuständigen Beamten. Mallersdorf profitierte hiervon und entwickelte sich zu einem bedeutenden Verwaltungszentrum. Die Säkularisation war gewiss ein einschneidendes Ereignis für Bayern. Daraus hat sich aber auch viel Neues entwickelt. Angesichts der heutigen wirtschaftlichen und politischen Probleme lohnt es sich, sich mit dem Umbruch um 1800 und dessen Folgen auseinander zu setzen. Auch heute verlangt uns eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft Belastungen und Opfer ab

„Wertvolle Kulturgüter und Kunstschätze wurden zerstört oder durch untergeordnete Beamte veruntreut“(E. Weis), Geistige und geistliche Zentren wurden zerstört. So fasste auch Hobmeier die negativen Auswirkungen der Säkularisation zusammen.  Andererseits gilt die Montgelas-Zeit, so Hobmeier als Begründung des modernen bayer. Staates. “Erst mit zunehmender zeitlicher Distanz wurde sie (die Säkularisation) nicht nur als das spektakuläre und gewalttätige Ende einer alten Ordnung, sondern als Chance für einen positiven Neuanfang gesehen“, so wurde W. Müller aus seinem Handbuch zur Bayer. Kirchengeschichte zitiert. Die Kirche wurde auf ihre Funktion als geistliche Institution zurückgedrängt, auf ihre „ureigenste Stellung als Magd und Mutter“. Die Säkularisation wird von vielen Seiten beleuchtet, doch ein umfassendes Werk fehlt, so Hobmeier. Umso wichtiger ist die Arbeit der Historiker vor Ort die Geschichte erforschen und der Nachwelt überliefern. Sein Lob bezog sich auf den Referenten des Abend: Michael Wellenhofer, Kreisheimatpfleger und Studiendirektor i.R., der die Entwicklung und die wechselvolle Geschichte des Klosters Mallersdorf im Folgenden aufzeigte und an späterer Stelle dazu einen eigenen Beitrag veröffentlichen wird.

Mag die Auflösung der Klöster sehr schmerzlich gewesen sein, so ist die vielfache Wiedergründung eine erfreuliche Sache und ein Zeichen für die Kraft des Glaubens in Bayern. Die Ereignisse von 1802/03 sind mehrdeutig. Für Mallersdorf stellten sie einen radikalen Umbruch, eine "Wende" dar, die mit großen Verlusten einherging, aber auch mit zukunftsweisenden Chancen verbunden war. Die Säkularisation trennt das alte vom neuen Bayern. Die Säkularisation war eine Revolution von oben. Sie war der staatlich verordnete Schlussstrich unter Strukturen, die über Jahrhunderte gewachsen waren. Ihre Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar. Heute wissen wir: Der Rückzug der Kirche aus weltlicher Herrschaft hat ihre geistlichen, kulturellen und sozialen Kräfte und Handlungsmöglichkeiten mittel- und langfristig gestärkt.

Maximilian Joseph von Montgelas, von 1799-1817 die führende politische Persönlichkeit in Bayern, gilt zu Recht als der Schöpfer des modernen bayerischen Staates

 

Auch wenn dies von Graf Montgelas nicht so geplant war: die Säkularisation war auch Grundlage für die Emanzipation der Kirche vom Staat. Sie gab ihr innere Freiheit für eine innerkirchliche, theologische Neubesinnung im 19. Jahrhundert. Dies wird auch in der Kirche heute allgemein so gesehen. In gewisser Hinsicht ist die positive Entwicklung, die viele Klöster seither genommen haben, bis heute mit dieser Unabhängigkeit von politischen Aufgaben verknüpft. Die Säkularisation ist ein gemeinsames Erbe von Staat und Kirche, das Gesellschaft und Religion gleichermaßen herausfordert. Die intensive Beschäftigung mit ihr ist heute wirklich an der Zeit.
Diese Modernisierung prägt Bayern bis heute. Man darf diese Reform auch als insgesamt geglückt angesehen. Sie betraf alle Bereiche: Verfassungsrecht, Verwaltung, Wirtschaft, Militär, und natürlich insbesondere das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Ohne Religion schneide sich die Gesellschaft von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung und damit von entscheidenden Lebensquellen ab. Die Kirchen vermitteln solche Werte, Orientierung und Zusammenhalt in der heutigen Welt. Umgekehrt muss die Kirchen den christlichen Glauben öffentlich wirksam bezeugen.
Das gesamte Vermögen in der Hand der Kirchen, geistlicher und religiöser Institutionen, das die öffentliche Funktion der Kirche betraf, wurde von der öffentlichen Gewalt beansprucht. Das für die Seelsorge, Caritas und unter Umständen noch Unterricht vorhandene Vermögen wurde nicht nur von der Säkularisation ausgenommen, sondern auch ausdrücklich vor jeder Zweckentfremdung geschützt. Nach 1803 gab es also nur noch das der Seelsorge dienende "eigentümliche Kirchengut". Es befand sich fast ausschließlich bei den einzelnen Gemeinden und umfasste drei Arten von Vermögensträgern: zunächst die Pfründe. Darunter versteht man die Vermögensmasse, aus deren Ertrag die Versorgung des jeweiligen Stelleninhabers bestritten wird. Dann die Kirchenstiftung: jenes Erwerbsvermögen, mit dem sowohl die Unterhaltungskosten für die der Seelsorge dienenden Gebäude ist als auch alle Auslagen für den Gottesdienst zu bestreiten sind. Schließlich noch Stiftungen für Arme, Kranke und u. U. für Schulen, soweit Stiftungen solcher Zielsetzung in einzelnen Gemeinden vorhanden waren. Für den Unterhalt der Bischöfe, der Domkapitel und der Seminare, für den Priesternachwuchs war aber - wenigstens in Deutschland - gar kein Vermögen mehr vorhanden. Die entsprechende Vermögensmasse war der Säkularisation verfallen. Die einzelnen Staaten hatten im Gegenzug dafür die Verpflichtung auf sich genommen, für die finanziellen Bedürfnisse dieser diözesanen Einrichtungen aufzukommen. Außerdem war ein großer Teil der Pfarreien von der Säkularisation betroffen und jetzt auf staatlichen Unterhalt angewiesen, z.B. die vielen ehemaligen Klosterpfarren. Darunter versteht man jene Pfarrkirchen, die mit den damit verbundenen Stiftungen für den Unterhalt der Seelsorger und für die Instandhaltung der kirchlichen Gebäude im Laufe der Jahrhunderte in ein Kloster eingegliedert worden waren. Bei der Säkularisation der Klöster wurden diese eigentlich den Pfarrkirchen zugehörigen Vermögensteile nicht ausgeklammert. Alles ging an den säkularisierenden Staat, der dafür für den Unterhalt von Kirche und Pfarre aufkam.
Die bis heute von den einzelnen Ländern als Rechtsnachfolgern jener säkularisierenden Staaten bewilligten Zuschüsse an Diözesen und Pfarreien für Personalkosten und Baulasten gehen also auf die Säkularisation 1803 zurück. In der Diskussion um die Kirchenfinanzierung spielen auch die sog. Staatsleistungen eine gewichtige Rolle. Sie sind vielfältiger Art, sie beruhen auf unterschiedlich alten Rechtstiteln und wurden z.T. bis in die jüngste Zeit in Staatsverträgen und Konkordaten immer wieder festgeschrieben. Die Höhe der Zahlungen ist ihrer Gänze kaum vollständig zu ermitteln. Auch für die katholische Kirche wirkt sich die Säkularisation bis heute aus: Weil sie die weltliche Macht abgeben musste, konnte sie sich neu definieren und auf ihre seelsorgerischen Aufgaben konzentrieren. Diese Aufgaben kann sie seit der Säkularisation mit der staatlich eingezogenen Kirchensteuer finanzieren. Freistaat und Kirchen pflegen heute ein sehr vertrauensvolles Verhältnis miteinander. Davon zeugt auch das große Engagement, mit dem der Freistaat seinen Verpflichtungen aus dem Staatsvertrag mit den Kirchen nachkommt, wenn es um den Religionsunterricht an den Schulen oder um die theologischen Fakultäten an den Universitäten geht, oder um die Gehälter der Bischöfe. Doch ist diese Verflechtung nicht unumstritten. So wurde der Auftrag der Weimarer Reichverfassung von 1919, die Staatsleistungen abzulösen, 1949 ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommen, wurde bis heute nicht eingelöst.
Geschichte lehrt uns vieles, so schloß OStD Martin Hobmeier seine Ausführungen, vor allem aber, dass wir in schlechten Zeiten nicht verzagen, in guten aber auch nicht übermütig werden sollten.

Rainer Pasta 26.05.2003